Texte zur Kirchenmusik

Wie sich doch die Zeiten gleichen –
Ein Vorrede von Johann Gottfried Herder zum Weimarischen Gesangbuch 1795

Am 9. September 1795 veröffentlicht Johann Gottfried Herder in Weimar ein neues Gesangbuch, welches er seinem Landesherrn Carl August von Sachsen Weimar Eisenach widmet. Interessant ist, dass er damals schon zwischen alten und neuen Liedern unterscheidet und dass offensichtlich vor 200 Jahren die Problematik zwischen alt und neu eine ähnliche war wie heute.
Die Sprache und Orthographie Herders wurden original beibehalten.
Viel Vergnügen beim Lesen.
Ihr Thomas Rudolph

 

Vorrede.

 

In den Vorreden der vorhergehenden Auflage dieses Gesangbuchs, die von zwei Verlegern besorgt ward, wurde sowohl der Werth der alten Lieder als auch die Schwierigkeiten bemerkt, die der Einführung eines neuen, durchaus verbesserten Gesangbuches entgegen standen. Die Einrichtung dieser Auflage wird hoffentlich beide Theile befriedigen; sowohl die, die die alten Gesänge unverändert beibehalten wünschten, als auch die beträchtliche Zahl derer, die, nach dem Vorgange fast aller deutschen Länder, eine nach unserer neueren Sprache eingerichtete Sammlung von Liedern vielfältig verlangten.
Beide von diesen Partheien haben in ihrem Sinne Recht. Ein Lied, das man in der Kindheit auswendig gelernt hat, will man nicht gern im Alter verändert hören: einen Gesang, an dessen kraftvollen Ausdrücken man sein Herz erquickt, an dem der Niedergeschlagene Trost, der Sterbende Hoffnung genoß, wünscht man nicht, etlicher schlechter Reime wegen, in eine andre Form gegossen, und fast unkenntlich gemacht zu sehen. Man wünscht mit dem Glauben der Väter auch die Lieder beizubehalten, in denen Jene ihren Glauben ausdrückten und stärkten. Selbst mit den Melodien kommt uns ihr aufmunterndes Andenken wieder.
Andere hatten auch nicht Unrecht, daß manche Zeitumstände, in welchen jene Lieder entsprossen sind, z. B. die Drangsale der Reformation und des dreißigjährigen Krieges, auch viele Sectirereyen und Wortstreitigkeiten in der Religion, Gottlob vorübergegangen und uns nicht mehr gegenwärtig sind; daß es also höchst unschicklich sey, im Namen solcher Personen zu singen, die vor hundert oder zweihundert Jahren lebten, und jetzt im Himmel andere Gesänge anstimmen, als sie damals hienieden anstimmen mußten. Man hat nicht Unrecht zu sagen, daß dieser Reichthum alter Lieder uns ja nicht die neueren rauben dürfe, die unsern Bedürfnissen, unsrer Sprache und Denkart näher sind, und wohl auch von so aufrichtigen Herzen gesungen würden, als jene. Man stellte vor, daß mitten im Vorrath alter Gesänge es uns oft wirklich an Liedern fehle, die unsern Zeitumständen, oder einzelnen Materien, insonderheit praktischen Lehren, dergestalt angemessen seyn, wie jene alten Lieder ihren Zeiten waren; und daß mancher Lehrer sich in Verlegenheit befinde, wenn er ausser dem Liede „O Gott, du frommer Gott“ und ein paar andern Gesängen, die Andacht seiner Gemeine auch in Liedern auf einzelne Pflichten und Lebensumstände zu richten wünschet. Es sey ja, sagten sie, unverantwortlich, den Schatz nicht gebrauchen zu wollen, der vor uns liegt, und den uns auch Gott gegeben.
Den Wünschen Beider wird durch die Veranstaltung dieses Gesangbuchs friedlich abgeholfen. Aus dem alten Gesangbuche sind 358 Gesänge beibehalten; und man hat sorgfältig aus den verschiedenen Bezirken unsers Landes Nachricht eingezogen, welche Gesänge, dort oder hier, öffentlich oder besonders im Gebrauch seyn. Diese alle behielt man unverändert bey, ausser daß hie und da ein Ausdruck, der der Sprache oder dem Glauben entgegen ist, oder der gar zum Spott eines gemeinen Sprüchworts worden war, (wie es leider dergleichen Lieder-Ausdrücke viele giebt) unmerklich oft nur mit Einem Buchstab oder Wort verbessert wurde. Da die vorigen Auflagen des Gesangbuchs, bis sie vergriffen sind, im Gebrauch bleiben sollten: so durften auch keine unnütze und schlechte Verse ausgelassen werden, damit bei den beibehaltenen Liedern der Kirchengesang nicht gestört würde. Diese Verbesserung, daß nehmlich aus alten guten Liedern schlechte Strophen weggethan werden, bleibt einer zukünftigen Zeit vorbehalten; und ich wünschte, sie wäre bald da.
Daher glaube niemand, daß jeder Ausdruck, oder jede Vorstellungsart, die auch in diesen 358 beibehaltenen Lidern vorkommt, durch dies Beibehalten gebilligt oder gepriesen werde. Aus heiligem Eifer gaben sich in der älteren Zeit viele mit Liederdichten ab, die dazu nicht geschaffen waren. Sobald es ihnen gelang, die Sylben in Reim zu zwingen, und mit Geheimnissen der Religion, oder mit Kreuz und Leiden, etwa auch mit einem Kernspruch der Bibel andächtig zu spielen; insonderheit wenn sie dabei wohlgemeinte herzliche Empfindungen rührend übertrieben, so ward ihr Lied aufgenommen und fand Beifall. Hier muß es eines jeden Lehrers ernstliche Sorge seyn, seinen Zuhörern vorsichtig und bescheiden zu zeigen, was auch in diesen alten Gesängen hie und da dem wahren Sinn des göttlichen Worts nicht gemäß sey: daß es z. B. keine Frömmigkeit sey, mit dem Nahmen Jesulein, oder mit anderen Nahmen unsres hochgelobten Erlösers, mit seiner Krippe und Windeln, mit seinem Blut, Striemen und Wunden zu tändeln, daß die unseligen Uebertreibungen der Buß-Aengste nach mißverstandenen Worten einiger Psalmen eben so unevangelisch, als unwahr seyen, wenn sie von einem rohen oder fröhlichen Haufen gesungen werden: daß wir, statt über Verfolgung der Feinde, über Kreuz und Leiden zu seufzen und zu klagen, unsern Feinden vielmehr mit stiller Großmuth verzeihen, und uns hüten sollen, daß wir uns Kreuz und Leiden unnöthiger und unbedachtsamer Weise nicht selbst zuziehen; endlich daß alles Schmähen auf dies irrdische Leben, alles murrende Hinausseufzen aus demselben, meistens nur Heuchelei und ein leerer Wortschall, oder eine wahre Versündigung sey: denn Gott hat uns hieher gesetzt und wir müssen seinen Wink abwarten, wenn er uns wegrufe aus dem Leben. Vor solchen und andern Mißbräuchen des heiligen Gesanges muß jeder Lehrer seine Zuhörer treu warnen. Er muß zeigen, daß zu andern Zeiten und unter andern Umständen dergleichen Ausdrücke wahr, oder wenigstens verzeihlich gewesen sein können, daß aber, da im Allgemeinen kaum Einer aus Hunderten sie mit Wahrheit nachsingen wird, der öffentliche oder besondere Christengesang zu etwas besserem da sey, als dergleichen leere Wortschälle zu unterhalten. Zu dem Ende vergleiche man solche Lieder mit den ernsten, biedern Gesängen Luthers, oder mit Worten und klaren Anweisungen Christi und der Apostel. Der gelindeste Weg, die Menschen von aller geheimen Heuchelei und Falschheit auch in Gesängen zu entwöhnen, ist, daß man sie zur Prüfung dessen was sie singen, mit gutem, geradem Sinn und mit Liebe zur Wahrheit weise. Im öffentlichen Gottesdienst halte sich der Lehrer an diese Liebe zur Wahrheit. Mit Sorgfalt wähle er die Lieder aus, damit er seine Gemeinde nicht zu einer öffentlichen Lüge, das ist, zum Bekenntnis von Empfindungen zwinge, die sie weder hat, noch haben darf. Dafür sey ihm das reine Wort Gottes in alten oder neuen Liedern desto werther. Bisweilen ist ein großer Theil von einem Liede anstößig; es hat aber einzelne, unvergleichliche Verse. Wohlan! Diese gebrauche der Lehrer; er wende sie in seinen Predigten an, und mache vorzüglich auf sie aufmerksam; das Schlechte lasse er an seinem Ort, damit es in der Stille verschwinde. Er trage Aufsicht, daß auch die ihm untergebenen Sänger und Schullehrer sich nicht aus alten Vorurtheilen gerade an das Schlechte im Gesangbuch halten; sondern vielmehr, wie es die Kirchenordnung S. 570 vorschreibt, durch das Auswendiglernen guter Lieder in der Schule, die Kinder von Jugend auf das Beste fassen und verstehen lernen.
Ein Aehnliches ist von dem hinzugekommenen zweiten Theil des Gesangbuchs zu sagen. Man nenne diese Lieder nicht mit Verachtung neue Lieder; einige derselben sind schon ein halb Jahrhundert alt, und sie werden, so wie wir, von Jahr zu Jahr älter. Manche sind seit zwanzig, dreißig Jahren in allen protestantischen Ländern Deutschlands öffentlich oder besonders gelesen oder gesungen worden, und haben ihre Probe bestanden. Sie stehen als zweiter Theil hier, mithin wollen sie die guten Lieder des ersten Theils, als ihre älteren Geschwister, nicht verdrängen; denn alle christliche Lieder bekennen einen Herrn und Heiland. Beide enthalten Einerlei Lehre, und weisen auf Einerlei Hoffnung und Pflichten. Die alten Lieder thun es meistens in einer kräftigeren Sprache; die jüngeren oft mit mehrerer Bestimmtheit und Klarheit. Jene dringen tiefer ins Herz; diese sind unsern Umständen, unserm täglichen Ausdrucke, auch dem Vortrage unsrer Predigten und Katechisationen angemeßner; denn man sage was man will, es ist schlechterdings unmöglich, sich jetzt in Allem so auszudrücken, wie man sich vor zwei- dreihundert Jahren ausdrückte. Man sagt, wenn man dies thun will, oft Dieselben Worte, bei denen indeß Wenige Dasselbige denken; wer verständlich seyn will, muß in der Sprache sich nach seiner Zeit richten. Uebrigens sind diese Lieder, so wie die Alten, nicht alle von Einerlei Werth; und ob man sich gleich viele Mühe gegeben hat, allenthalben her die Besten zu sammeln, und aus diesen die leeren Verse zu verbannen: so bleibt doch jedem Lehrer und Zuhörer die Wahl übrig, auch aus ihnen das Beste zu wählen. Was nicht für ihn ist, ist für einen andern.
Um diesen Liedern einen guten Eingang zu verschaffen, merke man sich folgendes:
1.) Kein Lehrer zeige für die jüngeren Lieder eine solche Vorliebe, daß er die Alten vergesse und ausschließe. Er denke, daß viele Zuhörer sind, die mit ihnen erwuchsen und sich an ihre Ausdrücke gewöhnten. Diese schone er, und bequeme sich nach ihnen.
2.) Wo aber im ersten Theil des Gesangbuches ihm Lieder zu seiner Materie fehlen, (welches oft der Fall ist) oder wo im zweiten Theil ein Lied vorhanden, das seine Materie viel würdiger, klarer und schöner ausdrückt: da bediene er sich des bessern Liedes und wende es auch in seiner Predigt auf eine schickliche Weise an. Mit den leichtesten Gesängen thue er dieses zuerst; sie haben meistens auch schöne Melodien; und es kann nicht fehlen, daß nicht ein gutes Lied, wenn es im Chor der Gemeine nach einer schönen Melodie gesungen wird, das Gemüth aufwecke und erhebe, mithin sich selbst empfehle.
3.) Die Schule muß hiebei der Kirche helfen. Von Jugend auf müssen die Kinder, so wie die alten, so auch aus diesen hinzugekommenen Gesängen trefliche Verse auswendig lernen; sie gewinnen dadurch einen Schatz von Lehre und Unterweisung für ihr ganzes Leben. Hat man sie inne, so lernt man die Predigt und auch die Bibel mehr verstehen. Das Wort Gottes kommt gleichsam näher zu uns: und spricht in einzelnen Pflichten und Beziehungen mit uns nach unsrer Weise. Durch diese Lieder lernen wir so manchen Zweifel der neueren Zeit überwinden, von dem die ältere Zeit noch nichts wußte; man lernt die Religion ansehen, wie sie für uns dienet.


4.) Der schönste Platz aller alten und neuen geistlichen Gesänge ist das Hauswesen. In vielen Familien sind die alten Lieder fast ausgestorben; ist Hoffnung da, daß die häusliche Andacht durch die uns näheren, jüngeren Gesänge werde erweckt werden? Man will in unserer Zeit statt der alten Kirchenlieder moralische Gesänge; wohlan! Viele dieser Kirchenlieder sind moralisch; und viele derselben enthalten einen wahren Gesang des Herzens. Es kommt auf Väter und Mütter an, daß sie ihre Kinder diese Lieder singen lassen, und sie damit zu einer Fortdauer in ihre Familien einführen; Es kommt auf Prediger und Schullehrer an, die ihren Zuhörern und Schülern das lieb zu machen wissen, was sie an diesen Gesängen gutes haben. Uebrigens, was Ein Jahr nicht thut, das thun einige Jahre; niemand wolle der Zeit vorgreifen und auch ein gutes Vorhaben, durch unnöthige Mühe, nicht übertreiben. Gott segne Alles, was in alten und neuen Liedern gut ist; und er wird’s gewiß segnen.